19.08.2021

Starkregenkatastrophe im Westen Deutschlands: Nur wenn ein Zahnrad in das andere greift, kann die Katastrophe bewältigt werden

Wenn eine Katastrophe eintritt wie es in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 durch den Starkregen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz geschehen ist, dann müssen alle zusammenhelfen. Das Technische Hilfswerk (THW) ist die zivile Katastrophenschutzorganisation des Bundes, die genau dann zur Stelle ist. Von bundesweit 668 Ortsverbänden waren in den betroffenen Gebieten mehr als 600 im Einsatz, um die Menschen vor Ort zu unterstützen und Strukturen wieder aufzubauen.

Ca. 50 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer des Ortsverbandes München-West, im Stadtteil Aubing im Westen Münchens gelegen, waren seit 24. Juli 2021 in verschiedenen Funktionen im Einsatz an der Ahr in Rheinland-Pfalz. Freigestellt durch ihre Arbeitgeber verbrachten sie jeweils zwischen acht und 14 Tagen meist in Dernau, einer schwer betroffenen kleinen Ortschaft mit ca. 1.700 Einwohnern direkt an der Ahr.

Dort hieß es für die Bergungsgruppe, die gemeinsam mit der Fachgruppe Räumen des Ortsverbandes Dachau und weiteren Helfenden aus Dachau und Freising einen sogenannten Technischen Zug Räumen bildete, unter anderem Schlamm schippen, Fahrzeuge bergen, Keller beräumen, Decken abstützen, Öl abpumpen, Bahngleise trennen und beseitigen, Einsatzstellen ausleuchten, Kanalsystem unter schwerem Atemschutz prüfen,… oft eine schweißtreibende Arbeit, die den Schlaf im Feldbett im Zelt auf dem Sportplatz täglich sehr tief werden ließ.

Zwei Wochen lang stellte der Ortsverband München-West in Dernau gleichzeitig die Untereinsatzabschnittsleitung (UEAL) und große Teile der Führungsstelle, gemeinsam mit den Ortsverbänden Freising und Dachau. Ihre Hauptaufgabe bestand darin Tag und Nacht die Koordination von bis zu 250 Einsatzkräften sicherzustellen. Neben den eingesetzten THW Einheiten wurden auch Einheiten des Bayerischen Feuerwehrkontingents zur Ölwehr sowie einer Verpflegungseinheit des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) geführt. Sie diente ebenso als Schnittstelle zwischen den übergeordneten Führungsstrukturen des Katastrophenschutzes, den eingesetzten Einsatzeinheiten, dem örtlichen Gemeindegremium, mehreren Versorgungsunternehmen, Firmen, Lieferanten und der Bevölkerung.

Zusätzlich wurden sowohl Einsatzkräfte als auch Anwohner eine Woche durch den Baufachberater des Ortsverbandes München-West unterstützt. Zusammen mit einer Bauingenieurin beurteilte er die Gebäude aus statischer Sicht, gab Empfehlungen zu Abstützmaßnahmen, überwachte Schäden mit sogenannten Rissmonitoren oder konnte Entwarnung für das Betreten und Beräumen der Häuser geben. Neben der eigentlichen Aufgabe der Baufachberatung wurden auch Sanierungstipps mit den Bewohnern ausgetauscht - für die Menschen vor Ort eine emotional sehr wichtige Stütze für den Wiederaufbau.

Seit 8. August 2021 stellt der Ortsverband München-West regional übergreifend für das Ahrtal eine Transport-Komponente im Fachzug Logistik. Zwei Mann (oder Frau) und ein Lkw transportieren, was transportiert werden muss. Und davon gibt es reichlich. Auch am kommenden Samstag wird eine Ablösemannschaft diese wichtige Aufgabe übernehmen.

Über 8.000 Einsatzstunden stehen bereits auf dem Konto des Ortsverbandes München-West und es werden täglich mehr. Das THW wird weiterhin gebraucht. Wie es in einem aktuellen Brief des THW Präsidenten heißt: „Weil wir die Menschen nicht alleine lassen!“ Nach über einem Monat und nachlassender medialer Aufmerksamkeit sind die Missstände immer noch groß: Die Menschen stehen vor ihren zerstörten Häusern, große Teile der Infrastruktur sind noch nicht wieder hergestellt und das Maß der Umweltschäden ist noch nicht absehbar. Das THW geht daher derzeit von einem Einsatz bis mindestens Ende September aus. Durchhalten und Zusammenhalten ist daher wichtig. Deswegen danken wir allen voran den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aller Ortsverbände für ihren unermüdlichen Einsatz, aber auch den Familien für ihr Verständnis und ihre Kraft sowie den Arbeitgebern für die Freistellungen. Nicht zu vergessen sind natürlich auch die vielen Helfenden anderer Hilfsorganisationen und die vielen Freiwilligen. Nur gemeinsam können wir diese Katastrophe bewältigen.

„So etwas habe ich noch nicht gesehen. Das Ausmaß der Zerstörung übersteigt alles was in Planungsszenarien und Übungen bisher behandelt wurde. Neben einer totalen Zerstörung der Infrastruktur und massiven Schäden an Gebäuden, die einen vor große technische Herausforderungen stellt, war die Betroffenheit der Einwohner eine hohe emotionale Belastung für alle Helfenden. Nahezu alle Mitarbeitenden lokaler Rettungsorganisationen und der Verwaltung sind persönlich durch die Katastrophe betroffen. Dennoch freut es mich sehr, dass wir hier als THW aus dem Großraum München gemeinsam mit Ortsverbänden aus ganz Deutschland und vielen Feuerwehren aus Bayern unseren Teil dazu beitragen konnten, dass Dernau einen Schritt weiter in die Normalität machen kann. Bewährt hat sich meiner Meinung nach das Modulsystem des THW mit verschiedenen Fachkompetenzen verteilt über alle Ortsverbände die im Bedarfsfall überregional eingesetzt werden können – auch wenn in einer solchen Lage nie so viele Ressourcen vorhanden sind wie man als Leiter einer Führungsstelle gerne hätte. Besonders beeindruckend fand ich die pragmatische Zusammenarbeit über alle Organisationen hinweg und die außerordentliche Hilfsbereitschaft von freiwilligen Helfern sowie Firmen - eine Katastrophe mit diesem Ausmaß kann man nur bewältigen, wenn alle an einem Strang ziehen und auch unter Stress das Ziel nicht aus den Augen verlieren.“

Leiter der Untereinsatzabschnittsleitung Markus Liebl, Fachberater THW, seit mehr als 25 Jahren beim THW im In- und Ausland tätig


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